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100
Jahre und noch immer Seemann im Herzen
Hans Westphal wird Ehrenmitglied der MK Heessen – ein Leben zwischen Krieg,
Neubeginn und Kameradschaft
Hundert Jahre alt zu werden, ist selten. Hundert
Jahre alt zu sein – und dabei noch so wach, humorvoll und voller Erinnerungen –
ist etwas ganz Besonderes. Als die Marinekameradschaft Heessen beschloss, Hans
Westphal zum Ehrenmitglied zu ernennen, war schnell klar: Diese Auszeichnung
würdigt nicht nur ein langes Leben, sondern ein außergewöhnliches.
Im Reginenhaus in Hamm, einer
Seniorenwohnanlage, sitzt der Jubilar ruhig und freundlich am Tisch. Neben ihm
stehen selbst gebaute Schiffsmodelle, an den Wänden hängen Erinnerungen aus
einem langen Leben zur See und im Deutschen Marinebund. Wenn er erzählt, wird
schnell deutlich: Die Verbindung zum Meer hat ihn nie verlassen.
Seit 1956 gehört Westphal dem Deutschen
Marinebund an – über sieben Jahrzehnte. „Siebzig Jahre“, sagt er und lächelt.
„Das muss man sich mal vorstellen.“ Dass er nun mit 100 Jahren Ehrenmitglied der
Marinekameradschaft Heessen geworden ist, empfindet er als besondere
Anerkennung.
Ausbildung zur See – und ein
Krieg, der alles veränderte
Geboren wurde Hans Westphal am 9. Dezember 1925
in Berlin. Schon als junger Mann zog es ihn zur Marine. Er begann seine
Ausbildung als Seekadett und kam auf das Segelschulschiff „Horst Wessel“, wo er
seine seemännische Grundausbildung erhielt. „Da habe ich ein halbes Jahr
Ausbildung gemacht“, erinnert er sich. Anschließend wechselte er zur
Marineschule in Schleswig.
Doch der Krieg holte die jungen Kadetten ein.
1945 wurde seine Offizierslaufbahn abrupt beendet. Ohne Erklärung wurde er als
Offiziersanwärter gestrichen – ein Zeichen der chaotischen letzten
Kriegsmonate. „Die Marine hatte mehr Personal als Schiffe“, sagt Westphal heute
mit einem leisen Lachen.
Viele seiner Kameraden wurden für den Landkrieg
vorgesehen. Westphal selbst hatte, wie er sagt, einen „Schutzengel“. Statt an
die Front wurde er nach Wilhelmshaven versetzt. Dort erlebte er das Kriegsende
– und die schwierige Zeit danach.
Gefahr auf See: Minenräumen
nach dem Krieg
Nach Kriegsende meldete sich Westphal freiwillig
zur Minensuche. Der Gedanke, wieder zur See zu fahren, war für ihn stärker als
die Gefahr. „So ungefährlich war das ja auch nicht“, sagt er rückblickend. Er
arbeitete bei der German Minesweeping Administration – einer von den Alliierten
eingerichteten Organisation, in der deutsche Seeleute unter britischer Aufsicht
die gefährlichen Hinterlassenschaften des Krieges beseitigten.
Mit kleinen Schiffen, teilweise ehemaligen
Fischkuttern, suchten sie in der Nord- und Ostsee nach Magnetminen. Das Leben
an Bord war abenteuerlich – und manchmal lebensgefährlich. Einmal geriet sein
Schiff in Brand, als sich das Auspuffrohr durch die hölzerne Bordwand erhitzte.
Mit Eimern Wasser bekämpfte die Mannschaft das Feuer. „Ich habe eigentlich
alles erlebt, was in der Schifffahrt passieren kann“, sagt Westphal.
Trotz aller Gefahren erinnert er sich auch an
die Kameradschaft und sogar an die vergleichsweise gute Verpflegung an Bord –
ein großer Unterschied zum Hunger an Land in den Nachkriegsjahren.
Neubeginn im Sauerland
Ende der 1940er Jahre wurde die
Minenräumorganisation aufgelöst. Für Westphal begann ein neuer Abschnitt.
Zurück nach Berlin konnte er nicht – also suchte er Arbeit im Westen.
Schließlich landete er in Lüdenscheid. Der Anfang war schwierig: zerstörte
Städte, Wohnungsmangel und lange Wege. „Ich bekam erst einmal nur eine
Schlafstelle“, erinnert er sich.
Später lebte er sogar eine Zeit lang in einer
Gartenlaube, während er arbeitete und nach einer Wohnung suchte. Doch er blieb
– und baute sich dort ein neues Leben auf. In Lüdenscheid lernte er auch seine
Frau kennen. Gemeinsam gründeten sie eine Familie mit drei Söhnen.
Leidenschaft für die Marinekameradschaft
Schon bald suchte Westphal den Kontakt zu
ehemaligen Kameraden. 1956 trat er der Marinekameradschaft bei. Was zunächst
als Mitgliedschaft begann, entwickelte sich schnell zu einer Lebensaufgabe.
1966 wurde er Schriftführer – eher zufällig, wie er erzählt. „Bevor ich Nein
sagen konnte, war ich gewählt.“
Doch Westphal nahm die Aufgabe ernst. Er
organisierte Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekte. Besonders wichtig war
ihm die Jugendarbeit. Mit jungen Menschen baute er Schiffsmodelle, organisierte
Bootsausflüge und brachte ihnen die Welt der Seefahrt näher. Auch beim
Stadtfest war die Marinekameradschaft vertreten – mit einem einfachen Stand aus
Dachlatten und Plane. Dort verkauften sie Labskaus.
„Das war der Renner“, sagt Westphal schmunzelnd.
Später übernahm er sogar Verantwortung im Bezirksverband des Deutschen
Marinebundes.
Reisen und Kameradschaft
Über die Marinekameradschaft führte ihn sein Weg
auch wieder aufs Meer. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine Reise
nach Norwegen. „Wir konnten Tag und Nacht auf die Brücke“, erzählt er
begeistert. Für einen ehemaligen Seemann war das ein Stück Heimat.
Ein neues Zuhause in Hamm
Mit den Jahren zog es ihn näher zu seinen
Kindern. Schließlich zog er nach Hamm, wo seine Familie lebt. Heute wohnt er im
Reginenhaus. Die Wohnung ist kleiner als früher, aber Westphal hat sich
eingerichtet – mit Erinnerungen, Fotos und seinen Schiffsmodellen. „Man muss
sich umstellen“, sagt er gelassen.
Ein Seemann bleibt Seemann
Auch mit 100 Jahren interessiert sich Westphal
noch für das Leben um ihn herum. Er nimmt am Alltag im Seniorenheim teil und
verfolgt weiterhin die Aktivitäten der Marinekameradschaft. Besonders freut er
sich auf ein Ereignis, das bald im Haus stattfinden soll: ein Shanty-Konzert,
organisiert von der Marinekameradschaft. Als er davon erzählt, leuchten seine
Augen.
Denn auch nach einem Jahrhundert gilt für Hans
Westphal noch immer ein alter Seemannsspruch: Wer einmal zur See gefahren ist,
bleibt sein Leben lang mit ihr verbunden. ⚓
Bild Zimmer, Westphal sowie Westphal und Wolfgang Scheele - Peter
Körtling, Gruppenbild MK Heessen und Text - Peter Körtling.

Westphal 
Bild Zimmer

Westphal und Wolfgang Scheele

Gruppenbild MK Heessen
Text - Peter Körtling.
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